Wir schreiben das Jahr 2000irgendwas. Es ist Herbst. Ich sitze vor meinem Haus auf der Bank, wie ich es an so vielen Abenden in meinem Leben schon getan habe und schaue der Sonne beim Untergang zu. Vielleicht der letzte Untergang in meinem Leben. Um die Hausecke kommt mein Enkel gerannt und möchte auf meinen Schoß. Ich nehme ihn vorsichtig hoch und biete ihm einen Platz auf meinem Knie an. Er lächelt. Mit seinen kleinen Händen fährt er über die Haut meiner alten Arme. Mit seinem Zeigefinger folgt er den schwarzen Linien. Interessiert schaut er in mein müde gewordenes Gesicht und fragt mich: „Opa, warum hast Du so viele Bilder auf Deinen Armen?“
„Das ist eine gute Frage. Aber ich muss ein wenig ausholen. Als ich jünger war, jünger als dein Vater heute, hatte ich den Sinn des Lebens noch nicht wirklich verstanden. Ich dachte, es wäre gut, beliebt zu sein. Ich glaubte, dass wenn alle Menschen in unserem Dorf mich mögen, würde ich glücklich werden. Also begann ich so zu leben, wie ich glaubte, die Leute würden es von mir erwarten. Es fing ganz harmlos an. Mein Lehrer sagte mir, ich müsse einen bestimmten Beruf haben – der würde was darstellen. Also erlernte ich diesen Beruf. Aber ich war nicht zufrieden, was nicht an dem Beruf lag. Man sagte mir, ich solle die Ausbildung auf jeden Fall zu Ende machen, dann hätte ich was in der Tasche. Zwar war ich nicht glücklich, trotzdem tat ich es.
Später wollte ich wieder zur Schule gehen, etwas anderes lernen. Ich meldete mich bei der Schule an. Und wieder waren dort Stimmen die mir sagten, dass das was ich vorhätte keinen fruchtbaren Boden besäße. Nein, es waren nicht die Großeltern deiner Mutter. Die haben mich immer unterstützt. Also brach ich die Schule ab und hörte auf die Stimmen.
Wieder waren einige Menschen zufrieden. Ich machte eine Fortbildung und lernte das Internet kennen. Ich liebte es und die Möglichkeiten die es mir bot. Schnell lernte ich damit umzugehen. Ich experimentierte, probierte, lernte. Nach dem Zivildienst, damals gab es so etwas noch, wurde ich arbeitslos. Das gefiel vielen Stimmen nicht. Mir auch nicht. Aber anstatt lange zu schlafen, lernte ich. Und ich machte Fortschritte. Das Internet wurde mein zweites Zuhause. Das gefiel einigen und diese baten mich um Hilfe. Vereine, Menschen, Freunde. Das wiederum gefiel mir, denn es zeigte mir, dass ich beliebt war. Ich glaubte auf dem richtigen Weg zu sein.
Mittlerweile hatte ich einen Job gefunden. Im Außendienst. Allerdings durfte ich dort nicht das tun was mir am Herzen lag und da ich das Gefühl hatte, dass ich es den anderen nicht Recht machen konnte, kündigte ich. Gleich darauf gründete ich eine Agentur. Ich half Menschen dabei ins Internet zu kommen. Es lief gut. Die Firmen riefen an, ich beriet sie, brachte sie ins Netz. Die Menschen mochten mich. Ich glaubte, ich hatte es geschafft. Dann lief irgendwas falsch. Ich hatte einen Fehler gemacht. Einen großen Fehler. Die Agentur ging den Bach hinunter und die Menschen sprachen über mich. Hinter meinem Rücken. Das machte mich traurig. Sehr traurig.
Ich gab die Agentur auf und suchte mir einen neuen Job. Die Leute sprachen immer noch über mich. Ich lernte damals deine Oma kennen, arbeitete sehr hart und bügelte die Fehler, die ich gemacht hatte wieder aus. Und ich wusste, dass ich es niemals allen Menschen Recht machen konnte. Also entschloss ich mich dazu, im Strom mit zu schwimmen. Dabei ging ich unter. Ich wurde einer von vielen. Still. Im Schatten. Auch das machte mich unglücklich.
Als ich dreißig war, hatte ich mich gefangen. Beruflich war ich auf einer großen Straße unterwegs, als der Himmel sich für mich auftat. Es regnete. Es regnete so stark, wie ich es noch nicht erlebt hatte. Nur mit Mühe konnte ich die Straße sehen, denn die Scheibenwischer hatten ihre Probleme mit den Wassermassen. Ich fuhr weiter. Dabei konzentrierte ich mich auf die Straße, als mich plötzlich dies Gefühl überkam, ich würde schwimmen. Die Kontrolle über das Fahrzeug hatte ich verloren. Es rutschte auf die Gegenfahrbahn. Von vorne kam ein LKW auf mich zu. Mit der Lichthupe gab er mir ein Signal, aber ich konnte nichts machen. Es war vorbei. Dachte ich.
Im letzten Moment bekamen die Reifen wieder Boden zu packen. Ich riss das Steuer rum, scherte auf meine Fahrbahn zurück und hörte nur noch das Hupen und das Rauschen des LKWs, der an mir vorbei zog. Bei der nächsten Gelegenheit bog ich ab, hielt den Wagen und stieg aus. Es hörte auf zu regnen und einige Minuten später schien die Sonne.
In diesem Moment erkannte ich, dass mein Leben irgendwann vorbei ist und ich nicht sagen kann, wann der Zeitpunkt kommt. Es hätte jederzeit sein können. Zu jedem Augenblick. Und damit erkannte ich, wie wertvoll das Leben überhaupt ist und wie unwichtig viele Sorgen sind, über die man sich täglich den Kopf zerbricht. Allerdings hatte ich Angst, diese Erkenntnis wieder zu vergessen, denn wir Menschen neigen dazu, wichtige Dinge zu vergessen. Für mich war es klar, dass ich es mir irgendwo notieren musste. Irgendwo, wo ich es immer schnell und sicher sehen konnte. Es war klar, dass es nur mein Arm sein durfte. Also entschied ich mich für mein erstes Tattoo.“
Ich drehe meinen Arm und zeige meinem Enkel die Stelle. Er erkennt den Totenkopf, die Sanduhr und die Rose. Dann fährt er mit seinem Finger wieder über meine Haut und folgt den schwarzen Buchstaben. „Was heißt das Opa?“
„Das ist Latein. Es heißt Memento mori. Es bedeutet, dass man daran denken soll, dass man stirbt. Das war mein erstes Tattoo. Ich ließ es mir stechen, als ich dreißig war. Noch vor meinem Geburtstag. Das war mir wichtig. Und dann begann ich, meine Haut mit vielen Erinnerungen zu beschreiben. Dinge die mir wichtig waren. Die mir etwas bedeuteten. Allerdings wollte ich nur noch Bilder haben, damit Du was zum gucken hattest, nachdem Du geboren wurdest.“ Ich lächelte. Er lächelte.
Wortlos springt er von meinem Schoß und rennt wieder um die Hausecke. Ich blicke der Sonne nach und hoffte dass er etwas von dem verstanden hatte, was ich ihm erzählte. Mit einer kleinen Träne in meinem Auge verschwindet die Sonne.
—
Foto: © Carsten Steps – Fotolia.com



Wow, vielen Dank für den Einblick in einen Teil Ihrer Vergangenheit, Herr Luttmann. Sehr schön geschrieben, macht nachdenklich – großes Kompliment!
Ein sehr melancholischer Text ! Danke ..
Ein wirklich schöner Text, in dem viel Weisheit steckt.
Wunderschön auf den Punkt gebracht – das Leben, den Sinn, den Unsinn und Dich selbst.