
evatter Tod und mich verbindet eine Hassliebe. Auf der einen Seite liebe ich ihn dafür, dass er uns die Möglichkeit gibt zu erkennen, dass unsere Zeit auf Erden endlich ist. Ernsthaft. Ich danke ihm dafür, dass er uns irgendwann zu sich holt ohne zu sagen wann und wo. Er bietet mir die Chance jeden Augenblick zu genießen, denn er zeigt uns, dass alles Schöne irgendwann vorbei ist. Erkennen wir diese Tatsache als gut an und versuchen danach zu leben, nehmen wir die Momente und Zeiten unseres Lebens intensiver wahr. Auf der anderen Seite hasse ich ihn für die Spiele, die er mit uns spielt. Für die Krankheiten, Leidenswege, Schicksale. Er lässt Väter leiden, Söhne trauern. Mütter müssen schreckliche Wege gehen, während Töchter hilflos verzweifeln.
Ich habe nicht viel Ahnung von diesen Dingen und doch erscheint es mir, dass der Krebs seine liebste Variante ist. Fast täglich erfahre ich Geschichten von Menschen aus meiner Umgebung die daran erkrankt sind. Geschwister, Onkel, Tanten. Nachbarn und Freunde. Väter, Mütter, Töchter, Söhne. Der Tod pflanzt seine todbringenden Geschwüre in die Körper der Menschen und zieht sie so langsam zu sich. Das Spiel ist hart, der Kampf Kräfte zehrend. Manchmal gewinnt man, manchmal nicht.
Es gibt so viele Personen die dieses Schicksal teilen müssen. Überall. In allen Schichten. Ich könnte über Elisabeth Müller schreiben oder über Andreas Ernst. Jakob Putschinski. Annabel Wagner. Es gibt tausende Geschichten, Millionen Menschen. Aber ich habe mich dazu entschlossen über Tony Iommi zu schreiben. Viele kennen ihnen, viele lieben ihn. Für seine Musik. Tony Iommi ist Gitarrist. Gitarrist bei einer der bekanntesten Heavy-Metal Bands der Welt. Gitarrist einer der ersten Metal-Bands überhaupt. BLACK SABBATH. Die Musik von BLACK SABBATH hat viele nachfolgenden Bands noch Jahrzehnte später beeinflusst. BLACK SABBATH hat Millionen von Menschen eine Richtung gegeben und genau so viele Menschen lieben diese Band und verdanken ihr wunderbare Stunden.
In diesem Jahr, so war es der Plan, wollten BLACK SABBATH in Urbesetzung zurückkehren auf die Bühnen dieser Welt. Ozzy Osbourne, Geezer Butler, Bill Ward und eben Tony Iommi hatten für 2012 eine Welt-Tournee geplant. Die Metal-Welt war begeistert. Die Tour sollte das Highlight des Jahres werden. Bis Gevatter Tod seine Würfel fallen ließ. Tony Iommi erkrankte an Krebs. Lymphdrüsenkrebs.
Tony nahm das Spiel an und begann zu kämpfen. Die Pläne für das Album stehen, das Erscheinungsdatum soll im Herbst sein. Und doch zehrt das Spiel an seinen Kräften. Die Welt-Tournee wurde abgesagt. Alle Termine, bis auf einen einzigen wurden gestrichen. Und obwohl man Verständnis hat, den Tod für seine Spiele hasst und selbst vielleicht keinen blassen Schimmer hat, was ein derartiger Kampf bedeutet, trifft es mitten ins Herz. Enttäuschung. Trauer. Schmerz.
Ich für meinen Teil hätte gerne an einem Konzert in Urbesetzung teilgenommen. Ich hätte mich gefreut Tony an der Gitarre zu sehen. Schon einmal durfte ich es erleben und es hat mein Leben nachhaltig verändert. Und jetzt? Nach dem Ronnie James Dio ausgerechnet an meinem Geburtstag sterben musste – auch ihn durfte ich sehen, erleben – muss Tony Iommi den Kampf aufnehmen.
Ihm geht es wie vielen anderen Menschen. Rockstars, Banker, Arbeitslose. Schüler. Väter. Söhne. Mütter. Töchter. Ihm und allen anderen Wünsche ich Kraft. Ausdauer. Mut. Hoffnung. Liebe. Und vor allem eines: Dass sie meinem Freund dem Tod die Fresse polieren, ihn austricksen, sein Spiel für sich entscheiden. Denn auch wenn es gut ist, dass das Leben endlich ist, sollte das Ende in Ruhe stattfinden. Gesund. Man sollte sterben, weil man müde ist und sein Leben gelebt hat. Einschlafen. Friedlich. Wie an jedem Abend.


