
Erinnerst Du Dich? Wir waren siebzehn. Vielleicht achtzehn. Saßen lachend am Tresen, Bier trinkend, Jägermeister vernichtend, lachten über jene, die ihre Hemden sauber in der Hose trugen. Wir waren anders. Wollten es sein. Uns gehörte die Welt, fühlten uns frei. Wir hatten Pläne. Träume. Ideen. Visionen. Wenn es Abend wurde trafen wir uns, tranken billigen Rotwein, von der Tanke besorgt. Sprachen über dieses, jenes, schufen unsere eigenen Ideale und verfluchten die Welt der Jägerzäune und Angepasstheit. Erinnerst Du Dich? Mein grüner Parker? An einigen Stellen geflickt, alt, vom Leben gezeichnet. Immer eine Schachtel billiger Kippen dabei, rauchend abseits des Dorfes, fern der Siedlungen von denen das Licht zu uns rüber schien. In vollkommender Dunkelheit. Unangepasst und einsam.
Kannst Du dich an jenen Abend erinnern? An jene Nacht, in der wir mit unseren klapprigen Rädern über holprige Bürgersteige fuhren um uns Burger und Pommes zu besorgen? Weißt Du noch, wie das Bier seinen Weg zurück fand und wir trotzdem Bären hätten fressen können? Erinnerst Du dich? Der Fastfood-Laden hatte längst seine Pforten geschlossen. Was blieb war die Tanke und eine Tüte Kartoffelchips, die wir am Wegesrand im Lichte des Vollmondes teilten, Dosenbier auf Tasche. Wenn der Sommer kam und die Luft durch die Hitze flimmerte, lagen wir auf dem Rasen, mitten im Dorf. Unsere Sonnenbrillen schützen uns vor dem Licht und aus den Lautsprecherboxen des kleinen Radios tönte „The Gathering“. Wir hörten es rauf und runter. Immer und immer. Wieder und wieder.
Weißt Du noch? Die Bank? Auf der wir saßen? Mitten in der Woche um kurz nach drei? Wir sprachen über die Feten die uns das Leben schenkte, waren verkatert vom Dorffest der letzten Nacht und freuten uns darüber, dass wir noch leben durften. Es dauerte nicht lange, andere kamen dazu, setzen sich. Lachende Gesichter, freudige Erwartung und der Spaß der Erinnerung, gefüllt mit Lücken an die sich niemand mehr erinnern konnte.
Das Leben. Es hat uns eingeholt. Jenseits der dreißig treffen wir uns noch selten. Tragen Anzüge, arbeiten in Büros, auf Baustellen oder an verschiedenen Teilen dieser Erde. Ehering, Eigenheim, eine gepflegte Nachbarschaft, alles scheint perfekt zu sein. Die Abende verschwunden, die Sommertage mit ihnen. Urlaub. 30 Tage im Jahr. Auslandsreisen, Gartenarbeit, aber immer noch keine Jägerzäune. Geburtstagsfeiern. Einladungen zum Essen. Wir sind ruhiger geworden. Die Rebellion vorbei, die Zeiten angepasst. Wir gründen Familien, spielen mit des Nachbarskindern, bekommen eigene. Die Sonntage gehören unseren Lieben, besuchen unsere Eltern zu Tee und Gebäck. Und doch ist die Musik geblieben, die uns an jene wilde Stunden unseres freien Lebens erinnern mag. Es ist nicht immer „The Gathering“, denn die Trauer jener Stunden ist verschwunden wie der blaue Dunst der billigen Kippen es tat.
Frost hat sich auf die Straßen gelegt. Das blinkende Licht am Halsband meines Hundes zeigt mir den Weg, der Mond, auf die Hälfte reduziert. Sternenklar. Frische Luft. Dunkelheit. Ich gehe über das Kopfsteinpflaster, welches an manchen Stellen glatt geworden ist. Ein Auto kommt. Fährt vorbei. Hält nicht an. Ich schauen in den Nachthimmel und sehe nichts. Gehe vorbei an den Häusern, raus aus den Straßen, hinaus aufs freie Feld. Abseits des Dorfes, fern von den Siedlungen, aus denen das Licht zu mir rüber scheint. Ich drehe mich um. Sehe meine Jugend, frage mich, wo sie geblieben ist. Eine graue Strähne in meinem Gesicht.
Wir tragen Verantwortung für das, was wir tun. Vor meinem Auge flimmert die Luft, so wie es ist, wenn die Hitze im Land ist. Ich träume, sehe den Sommer, und die Schwalben die durch die Luft fliegen. Höher. Höher. Immer Höher. Und ich weiß, eine Schwalbe wird Platz finden auf meinem Handgelenk, um mich an die Freiheit zu erinnern die wir hatten, die ich wieder haben werde. Irgendwann. Aber bis dahin liebe ich mein Leben und alles was dazugehört. Ehering, Eigenheim, das Leben scheint perfekt zu sein.
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Foto: Daniel Wehner



Grandios.
Heute erst gelesen und für absolut grandios befunden. Sollte man sich ausdrucken und da aufhängen, wo man ein paar ruhige Minuten hat, um es zu lesen – täglich.